Ouvertüre zur Lieblosen Legende
für Kammerorchester
Uraufführung: 19.02.2022 • Haus der Musik, Innsbruck
Im Rahmen des 22. Konzertes der Reihe Komponist:innen unserer Zeit entstand unter dem Motto „flüchtig” die Ouvertüre zur Lieblosen Legende – ein Werk für das Tiroler Kammerorchester InnStrumenti.
Auf den ersten Blick scheint die Form der Ouvertüre dem Thema „Flüchtigkeit” zu widersprechen: Sie verdichtet typischerweise das musikalische Material einer ganzen Oper, stellt Stimmungen vor, deutet Entwicklungen an, entwirft die Charaktere in kürzester Zeit. Sie ist ein Konzentrat, ein „Foreshadowing” und interessanterweise oft das Letzte, was im Verlauf einer Opernkomposition entsteht.
Doch vielleicht offenbart sich gerade in dieser Verdichtung, in ihrer Funktion als musikalischer und erzählerischer Zeitraffer, eine andere Facette der Flüchtigkeit: das ephemere Aufleuchten einer ganzen Welt in wenigen Augenblicken.
Auch in anderer Hinsicht geht die Ouvertüre zur Lieblosen Legende einen ungewöhnlichen Weg: Das Werk steht nicht am Ende, sondern am Anfang eines kreativen Prozesses – als Auftakt zur Arbeit an der Kammeroper Gregor Rutz und der Existenzialismus nach Wolfgang Hildesheimer (aus der Sammlung Lieblose Legenden).
Noch bevor mit der szenischen Ausarbeitung begonnen wurde, unternimmt die Ouvertüre den Versuch, die Geschichte ausschließlich mit musikalischen Mitteln nachzuerzählen. Sie begibt sich auf eine Entdeckungsreise, sucht nach Keimzellen musikalischer Ideen, nach Atmosphären, Figuren und Gesten. Sie steht nicht am Beginn der späteren Oper, sondern fungiert als musikalische Vorbereitung; als kompositorische Annäherung an die spätere dramatische Ausarbeitung des Stoffes.
So entsteht ein Materialschatz, der nicht nur auf Text basiert, sondern auch aus rein musikalischer Reflexion hervorgeht – als Grundlage für das darauffolgende musikdramatische Schaffen.
Die Idee der Flüchtigkeit zieht sich schließlich auch durch das Werk Wolfgang Hildesheimers selbst; in seiner Abkehr von der Welt, in der Flucht ins Innere, in der Fragilität von Sinn, Wahrheit und Bedeutung, die – so Hildesheimer – nicht vorgefunden, sondern erst „in der Kunst erfunden” werden müssen.
Und nicht zuletzt in der Zeitlichkeit selbst: im Kreisen um Wahrnehmung, Dauer und Vergänglichkeit offenbart sich im „tempus fugit”-Gedanken eine weitere Form von Flüchtigkeit.
Werkinformationen
für Kammerorchester
1(Picc.)-1(Eh.)-2-2 | 2-2-1-1
Perk.(2 Sp.) | Str.
Dauer: ~ 08:00 Minuten Uraufführung: 19.02.2022 Ort: Haus der Musik, Innsbruck